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Heinkel Kabine

August 2010. Nein, kein Tourist. Den gibt’s zu oft. Nur wenige wissen, daß Heinkel von 1956 bis 1958  mit einem auf 200 ccm aufgebohrten Tourist Motor einen Kabinenroller gebaut hat. Trotz der damals modernen selbsttragenden Bauweise, der ihn über 100 kg leichter als die sehr bekannte Konkurrenz von BMW machte entstanden nur knapp 6000 Stück. In den letzten 2 Wochen mußte ich mindestens 25 mal erklären, daß das KEINE Isetta ist.

Noch habe ich nicht genau ermittelt was genau für ein Modell ich hier erstanden habe. Die Fahrzeugpapiere sind aus Schweden, das Baujahr wird mit 1959 angegeben und die Bezeichnung T153s mit 204 ccm. Näheres werde ich wohl wissen, wenn ich den Motor zerlegt und das Typenschild irgendwo gefunden habe.

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Bereits bei der Sitzprobe im unfertigen Fahrzeug erscheint es mir unbegreiflich, wie man mit so einem rollenden Schuhkarton überhaupt fahren konnte. Entweder waren die Menschen in den 50er Jahren insgesamt kleiner, oder wir sind heute automobiltechnisch verwöhnt. Wahrscheinlich beides. Immerhin bietet das Fahrzeug ein Taschentuch großes Stoffdach, welches als zweiter (Not-) Ausstieg dienen mußte.

Im Gegensatz zu anderen Motordreirädern bietet die Kabine sogar in den hinteren Reihen Platz - für Gepäck - oder, wenn man ganz mutig ist und mit eingezogenem Kopf auf der Motorabdeckung Platz zu nehmen wagt, sogar einen Todesmutigen Passagier. Ich werde das später lieber erstmal mit meinem Hund ausprobieren.

Der 10 PS Motor verhilft der leichten Karosse zu einer Geschwindigkeit von knapp 90 km/h. Theoretisch. Wie sich das anfühlt bleibt abzuwarten. Keine Gurte, keine Kopfstützen, keine Knautschzone, kein Seitenaufprallschutz - hier wird noch gestorben wie ein Mann.

Sitzprobe in der Heinkel Kabine

Der Vorbesitzer hatte mit der Restauration bereits begonnen, ist aber wohl leider im Zuge dessen verstorben. Daraufhin hat der in Deutschland ansässige Sohn die Kabine nach Deutschland gebracht und verkauft.

Das Fahrzeug ist recht vollständig, jedoch erscheint es mir fraglich, was alles noch zu gebrauchen ist. Motor und Lenkung mußten noch ausgebaut werden, dann war die Karosse fertig zur Überholung. Es überraschte mich nicht weiter daß hier einiges zu schweißen ist.

Der Motor dreht noch, sogar mit recht wenig Spiel in den Lagern. Vielleicht habe ich hier Glück und es ist mit einer Erneuerung von Lagern und Dichtungen getan.

zur Demontage des Fahrwerks reicht ein herkömmlicher Besen.

November 2010. Während draußen die ersten Schneeflocken fallen mache ich es mir in der Werkstatt gemütlich und rücke der Karosserie mit dem Schweissgerät zuleibe. Diverse Restaurations bzw. “Beiflick”- Aktionen zeugen von recht bescheidenen Ergebnissen bzw. von daraus resultierenden verheerenden Auswirkungen. Reparaturbleche wurden einenietet, d.h. auf noch vorhandenem Blech “draufgepappt”. Befallen waren das halbe Pedalbodenblech, Teile der Schweller im vorderen und hinteren Bereich sowie beide Radläufe. Irgend ein Besitzer vor mir hat die gesamte Karosserie gesandstrahlt, daher hatte ich sehr wenig mit Dreck und Ölschlamm zu tun. Ob ich ihm deswegen dankbar sein soll?

Für die Arbeit zugänglich  machen ist gar kein Problem, man kippt es mit einem Arm kurz auf eine Seite. Geflucht habe ich trotzdem. Wer schonmal ein Ei geschweisst hat, weiß wovon ich rede: das Teil schaukelt wie eine Kinderkrippe und erst das gezielte Drunterlegen von Holzkeilen verhinderte das fröhliche Kullern durch die ganze Halle.

Erfreulicherweise waren die Schweissarbeiten trotz allem an 2 Wochenenden erledigt. Kleines Auto = wenig Blech = wenig Arbeit.

Die Motorklappe war wohl von ein paar Remplern im Strassenverkehr etwas aus der Form, sie mußte mit gezielten Schweisspunkten wieder passend gemacht werden. Eine filigrane Arbeit, das Blech der gesamte Karosserie ist doch recht dünn und hält nur, wenn alle Streben da sind und alle Schweißnähte vollständig.

Neben der Motorklappe ist ein Fach für die Batterie. Der ganze Boden war herausgerostet. Hier hilft nur ein neues Fach. Das alte wurde herausgetrennt, ein neues angefertigt und eingeschweisst.

Angemerkt sei: während der Arbeiten ist kein Besen zu Schaden gekommen !

neue “Black Box” für die Batterie

Dezember 2010. Auch eine nette Winterbeschäftigung: das Aufpolstern und Nähen der Inneneinrichtung. Viel war im Original nicht übrig, aber das konnte ich als Schnittmuster verwenden - ich entschied mich für hellbeiges Kunstleder, welches Backi für seine Vespa 400er irrtümlich als “hellgrau” gekauft hat - danke Backi!. Autentisches Schottenkaro auf 4cm dickem Schaumstoff rundet die Sache ab, fertig ist die Kindersitzbank. Für die - nicht lachen - Rücksitzbank habe ich ein Stück Schaumstoff bezogen. Dann kommen noch die Seitenverkleidungen aus kaschiertem grauem Stoff, eine Hutablage und mit dem “Gepäcknetz” hat sich Sabine in mühevoller Kleinarbeit beschäftigt. Danke Sabine !

Inzwischen ist auch das Klappdach fertig. Aus einem einzigen Meter Sonnenland Stoff kann man tatsächlich 2 ganze Dächer nähen. Ist ja auch von der Fläche nicht mehr wie ein herrkömliches Taschentuch...

Dezember 2010. Weihnachtsurlaub. Jetzt widme ich mich dem Motor. Demselben Vorbesitzer, der die Karosserie gesandstrohlt hat, war ich spätestens jetzt nicht mahr dankbar. Der hat nämlich auch den Motor bearbeitet. Wenn man das ganze dann wegstellt, dann rostet es fröhlich vor sich hin. Auch das Aluminium. Kaum eine Schraube ließ sich so einfach lösen, sie mußten gewaltsam ausgebohrt werden. Hinter der Lüfterradverkleidung kam mir das Ausmaß der ganzen Zerstörung entgegen. Alle Teile waren mit einem weißlich-braunen Schicht überzogen. Jaaa, auch Aluminium kann rosten!

Ich war ertaunt, daß sich der Motor noch drehen ließ - Zum Glück hatte mein Vorgänger das Mototöl dringelassen und auch die Zündkerze, denn beim weiteren Verlauf der Motordemontage besserte sich die Situation. Kurbelwelle, Zylinderkopf, Kolben und Zylinder präsentierten sich in solch hervorragenden Zustand, daß ich vermuten muß, hier hat einer den Motor kurz zuvor überholt und dann erst weggestellt.

Zylinderkopf - recht verkohlt. Diesen schicke ich ein zum Umbau auf bleifrei Sitze und größeren Ventilen

hier gehts weiter zur Motorrevision...

Der Kolben ist von einem bekannten Hersteller: GPM, ein Italienischer Nachbau. Schade, hier hätte ich mir Mahle gewünscht. Vielleicht sogar der 66er Kolben. Meiner hatte das Übermaß 64,5mm. Welches bedeutet, daß ich keinen 204ccm Motor, sondern “nur” einen 198ccm Motor der späteren Serie habe.

Diese Schlepphebel sind hin...

Zylinder und Kolben - im Gegensatz zu dem, was ich bei meinen Zweitaktern gewohnt bin noch in recht guten Zustand, leider trotzdem eingelaufen. Möglich ist ein Aufbohren bis 68 mm - wieviel ccm ergibt das wohl?

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