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Restaurationsbericht NSU Prima Fünfstern

„Nur ein Haufen dreckiges Altmetall", bezeichnete meine Freundin das, was sie im Kofferraum meines Autos sah. Noch hatte sie Recht damit, denn das, was später einmal der NSU Luxus-Roller werden sollte, sah nicht aus, als ob es jemals wieder fahren sollte. Eine erste Bestandsaufnahme zeigte, daß der Roller zum größten Teil vollständig war. Einige Teile waren derart beschädigt, daß adequater Ersatz her mußte - zumindest in Form eines Gebrauchtteils. Einige Zierleisten und die Nebellampe auf dem vorderen Kotflügel fehlten. Leider waren das genau die Teile, die nur noch sehr schwer zu bekommen waren.

Zunächst ging es an die Reinigung aller Teile. Einfachste Methode den Motorblock vom Ölschlamm zu befreien war es, sie mit einem Motorblockreiniger einzusprühen und bei der nächsten Autowaschstraße vorbeizufahren. Ein paar Minuten mit dem Hochdruckreiniger und die Teile waren wieder fast wie neu. Danach fing die wilde Lackiererei an. Der Rahmen war vom Vorgänger in einem dunklen Blau recht professionell lackiert. Da ich entschieden hatte das Fahrzeug in einem autentischen türkisblau zu lackieren, beließ ich ihn so. Der Tank war knallig gelb lackiert, ebenfalls so professionell, daß ich auch ihn so ließ. Er war später sowieso vom Blechkleid des Rollers verdeckt.

kann jemand was erkennen?

Zylinder und Kolben waren in einem sehr schlechten Zustand. Der Kolben war im laufe der Zeit konisch geworden - Der Durchmesser war am Boden fast 1 ½ mm kleiner als am Hemd. Kein Wunder daß keine Leistung mehr vorhanden war und der Roller 11-15 Liter Sprit (Laut Vorbesitzer) verbrauchte. Da ich in einer Motorenbau-Firma arbeite hatte ich Kontakt zu einer Motoreninstandsetzungsfirma, die sogar noch einen Übermaßkolben im Programm hatten. Der Zylinder wurde neu ausgeschliffen und ich konnte mit einer neuen Zylinder/Kolbengarnitur glücklich nach Hause fahren.

Die Kurbelwelle war noch in ordnung, ebenfalls die Lager und Wellendichtringe, deshalb wurde alles so gelassen. Ebenso die Kupplung sah noch aus wie neu. Als nächstes standen Besuche diverser Oldtimer- Märkte an, die es zum Glück in Deutschland recht häufig gibt. Auf der Herbst-Veterama in Mannheim fand ich einen Zündlichtschalter, der kombiniert ist mit dem Anlasserknopf. - Die NSU wird mit einem Druck auf den Zündschlüssel gestartet. Der mir als Schalter für eine NSU Prima verkauft wurde stammte in Wirklichkeit von einer Dürkopp Diana, was in diesem Fall nichts ausmachte, da beide bis auf die Befestigungsbohrungen identisch waren. Ich zerlegte beide Zündschlösser und stellte aus den jeweils intakten Teilen ein heiles Zündschloss her. Auf dem nächsten Oldtimer-Markt in Recklinghausen konnte ich eine intakte Felge und den Fußbremshebel ergattern. Ebenso erwarb ich 3 autentische Continental LB- Reifen, die seit den 50er Jahren unverändert gebaut werden. Ein Glück, denn wie würde eine restaurierte NSU Prima mit den Rennreifen der heutigen Plastik-Bomber aussehen? Auf der Frühlings-Veterama hatte ich dann richtig Glück: Bei dem Stand von B. Grimmer, der eine Roller und Vehikel-Sammlung besitzt konnte ich eine ganze Vorderradgabel erwerben. Komplett mit Lenker, Hebeln, Kotflügel, der seltenen Alu-Stoßstange und der noch selteneren Nebellampe. Leider ohne Lampeneinsatz. Einen Stand weiter fand ich dann den Einsatz. Ich war in Goldgräberstimmung. Der Tank war nicht so schlimm verrostet. Fünf Liter Coca-Cola über Nacht eingewirkt sorgte für ausreichende Reinigung. Der Vorsicht halber kam noch ein zusätzlicher durchlauf-Benzinfilter in die Spritleitung. Das Frontblech gab ich zum Sandstrahlen, alle übrigen Bleche waren relativ glattflächig, daher nahm ich sie mir selber vor. Meiner Erfahrung nach ist die einfachste Methode unter der Dusche mit 240er Schleifpapier. Das heiße Wasser macht den Lack weich und man kann ihn relativ gut und schonend (mittels eines schon etwas stumpf gewordenen Taschenmessers) vom Blech lösen. Außerdem wird der gelöste Staub gleich weggespült und landet nicht in Auge, Nase oder gar Lunge.

Die Lackierung übernahm eine Firma in Aachen recht günstig. Der Originallack war leider nicht mehr zu ermitteln. Ganze 3 Schichten Lack kamen beim Schleifen zum Vorschein, der unterste war nach meiner Schätzung das NSU Alfarot. Ich entschied mich aber für Türkisblau (RAL5018), welches außerdem noch sehr gut zu dem hellbeige der Gummiteilen paßte. Gummiteile gibt es zu horrend Teuren Preisen als Nachfertigungen. Dazu zählen 4 Fußmatten, 2 Satteldecken, 2 Handgriffe, 2 Ziergummis für die Armaturen, Haubengummis und noch einiger diverse Hülsen und Stopfen. Da ich auf diesem Gebiet kein Pragmnatiker bin mußte ich in den sauren Apfel beißen und einen großen braunen Schein über die Ladentheke reichen. Das tat weh. Aber Weingstens entschädigte mich dann der wunderschöne Anblick des Rollers mit neuem Gummi. Schriftzüge kaufte ich bei einem Händler, der von Zeit zu Zeit alte Fahrzeuge schlachtet und bis heute sogar noch alte Originalbestände hat. Davon gibt es noch zwei in Deutschland: Motzke und Schönhaar. Mit etwas Glück bekommt man auch im Rollerladen in Pfaffenberg noch diverse Ersatzteile aus Restbeständen. Sämtliche Zierleisten der Prima bestehen aus Aluminium. Abgesehen von den Schriftzügen und Gepäckträger entfällt das teure Verchromen also. Die schlimmsten Beulen konnte ich mit einem Hammer herausklopfen - einige gingen sogar per Hand. Danach konnten sie wunderbar mit einer Polierschleifpaste (Autosol) auf Hochglanz poliert werden.

Die Elektrik mußte komplett erneuert wer- den. Das was ich als „Kabelbaum" mitbekommen hatte war so hart und vergammelt, daß ich es nicht mal mehr als Muster verwenden konnte. Außerdem waren einige nicht zu dem Roller

gehörende Schalter verbaut. Anhand eines Schaltplanes (aus der original Instandsetzungsanleitung) baute ich den gesamten Kabelbaum nach. Zunächst war dies recht einfach. Es gab lediglich Rücklicht, Standlicht, Abblendlicht, Fernlicht, Bremslicht und eine Nebellampe - durch die 12V Bordspannung konnte ich gewöhnliche Kabel von Conrad verwenden. Der vordere Reflektor war völlig verrostet. Ersatz war nicht zu bekommen - und wenn, dann unverschämt teuer. Da ich vorher schonmal eine Vespa 50 mit rundem Lenkkopf restauriert hatte, kam mir die Idee mal die beiden Reflektoren mal zu vergleichen. Siehe da, sie hatten exakt deselben Durch messer. Lediglich die Anschlüsse waren anders. Ich besorgte mir einen Nachbau-Scheinwerfer für eine V50, sägte entsprechende Öffnungen hinein und klebte ihn in den Reflektor der Prima. Dann klebte ich den Lampenring drüber und er war von einem neuen nicht mehr zu unterscheiden. Da das Baujahr noch vor Mai 1961 ist, braucht der Roller nicht mal Blinker. Die einzigen dicken Kabel führten laut Schaltplan zum Dynastarter. An letzterem befand sich leider gar kein Kabel mehr, so daß ich auf raten und probieren angewiesen war. Aber bei der alten Anlage und bei nur 3 Anschlußkabeln konnte man nichts großartig falsch machen. Schließlich nach Anschluß von 2  6V 12Ah - Battereien war genug Saft vorhanden, daß der Dynastarter den Motor kräftig durchdrehte.

Jetzt konnte der Roller wieder zusammengebaut werden. Das stellte sich auch noch ziemlich schwierig heraus, da NSU wohl ein Faible dafür hatte Teile auf engstem Raum zu verbauen. Ich mußte mehr- mals einige Teile wieder ab- bzw. ausbauen um an andere wieder dranzubekommen. Muß man z.B. die Zündung neu einstellen, kommt man nicht drum herum die gesamte Triebsatzschwinge auszu- bauen. Das Abdeckblech für das Lüfterrad habe ich bis heute nicht draufbekommen, der Spanndraht springt bei der Montage überall hin, nur nicht in die Nut, wo sie reinge- hört. Für die Komplettmontage habe ich nochmal drei Wochen gebraucht, und als alle Teile verbaut waren, kam der große Augenblick.

Choke Knopf rausgezogen, durchgeatmet und aufs Knöpfchen gedrückt. Mit lautem Zweitaktgeknatter sprang der Motor an und absolvierte die ersten hundert Meter ohne Probleme. Einzig gewöhnungsbedürftig ist die Schaltung: Der Leerlauf liegt vor dem ersten Gang und nicht wie gewohnt zwischen 1. und 2. Gang. Jetzt warte ich nur noch auf den Gepäckträger, den ich vor kurzem zum Verchromen weggegeben habe. Leider dauert das eine Weile und bedeutet noch dazu ein erneutes Attetat auf meine Brieftasche, aber ich konnte einfach nicht mehr warten um endlich Prima zu fahren.

Für die heutige Zeit wirklich drollig finde ich die farbigen Schalt- und Bremshebelgummis: blau für die Schaltung und rot zum Bremsen, damit auch ja nichts verwechselt wird. Ich stelle mir vor wie die ersten Besitzer einer Prima damals - den Blick voll konzentriert gen Bodenblech gerichtet, um das richtige Pedal zu entdecken elegant gegen das nächste Hindernis geprallt sind.

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